Wo haben Kinder die besten Chancen aufs Gymnasium?

Neben individueller Anstrengung und Begabung beeinflussen auch die eigene soziale Herkunft, etwa die erworbenen Bildungsabschlüsse der Eltern, und weitere Merkmale wie ein Migrationshintergrund den individuellen Bildungserfolg. So haben Kinder, deren Eltern selbst schon das Gymnasium oder eine Universität besucht haben eine deutlich bessere Chance, selbst wiederum einen Gymnasialabschluss zu erhalten. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Eine bessere Ausstattung mit ökonomischen Ressourcen, damit verbundene variierende subjektive Einschätzungen von Kosten und Nutzen unterschiedlicher Bildungsgänge, bis hin zu einer grösseren kulturellen Vertrautheit mit der in der Schule gesprochenen Sprache und geförderten Werte führen allesamt dazu, dass Kinder aus privilegierteren Elternhäusern bessere schulische Leistungen erzielen und bessere Chancen für den Besuch weiterführender Schulen haben (siehe z.B. Becker & Zangger 2013, Zangger & Becker 2016).

Jedoch liegt es nahe zu vermuten, dass individuelle Bildungschancen sich auch zwischen Regionen und sogar Quartieren unterscheiden. Bleiben wir beim Beispiel des Gymnasiumbesuchs. Während in städtischen Gebieten das nächste Gymnasium vergleichsweise nahe liegt und der öffentliche Verkehr gut ausgebaut ist, stellt sich die Situation in ländlichen Gebieten anders dar. Dort ist ein Gymnasiumbesuch mit einem beträchtlichen Mehraufwand an Zeit und auch Geld verbunden, was Eltern und Kinder vor zusätzliche Hürden stellt. Somit kann davon ausgegangen werden, dass in ländlichen Gebieten die Gymnasialquote nicht nur tiefer liegt, sondern sich Einflüsse der sozialen Herkunft möglicherweise noch stärker auswirken und stattdessen häufiger auf Angebote der beruflichen Grundbildung (Lehre) zurückgegriffen wird. Schauen wir uns die Situation für die gesamte Schweiz an.

In der Tat unterscheiden sich die Chancen für das Gymnasium beträchtlich zwischen den Bezirken: Während die Wahrscheinlichkeit für einen Gymnasialbesuch im Berner Oberland weniger als 20% beträgt, wenn die Eltern selbst eine berufliche Grundbildung absolviert haben, beträgt sie für vergleichbare Personen in Basel oder an der Zürcher Goldküste rund 40%. Im Südtessin und in Genf liegt die entsprechende Wahrscheinlichkeit dabei bei beinahe 50%.  Während Kinder, deren Eltern selbst einen Tertiärabschluss besitzen deutlich bessere Chancen auf das Gymnasium haben (die Werte variieren hier zwischen knapp 60% bis hin zu 90%), zeigen sich auch hier ähnliche Unterschiede zwischen den Bezirken mit tendenziell besseren Chancen für den Gymnasiumbesuch in der Romandie, der italienischsprachigen Schweiz und in urbanen Gebieten. Die räumlichen Unterschiede fallen für Kinder mit hochgebildeten Eltern indes weniger drastisch aus.

Um mögliche Gründe für diese Unterschiede zu untersuchen, können wir weitere Daten hinzuziehen, welche nicht in die interaktive Applikation eingeflossen sind. Hierzu verwenden wir Daten aus der DAB-Panelstudie. Diese Daten erlauben die Abbildung des Entscheidungsprozesses am Ende der obligatorischen Schulzeit von Jugendlichen in der Deutschschweiz. Zuvor haben wir vermutet, dass eine grössere Distanz zu Gymnasien in ländlichen Regionen als zusätzliche Kosten wahrgenommen werden und die individuelle Motivation für das Gymnasium dadurch senken. Zudem gibt es in der empirischen Bildungsforschung Beispiele dafür, dass auch die lokalen wirtschaftlichen Strukturen und das Ausmass an Arbeitslosigkeit Bildungsentscheidungen beeinflussen. Ist die regionale Arbeitslosigkeit höher, dann wird ein Eintritt in das Erwerbsleben eher hinausgezögert und stattdessen allgemeinbildende Angebote gewählt. Mittels oben genannter Daten können wir dies umfangreich testen. Hierzu fokussieren wir auf die Bildungsmotivation für das Gymnasium, welche sich aus dem subjektiv erwarteten Nutzen eines Gymnasialbesuchs und der eingeschätzten Erfolgswahrscheinlichkeit ergibt. Dabei lassen sich unter Kontrolle einer Vielzahl von individuellen Grössen, etwa der eigenen sozialen Herkunft oder auch vorangegangener schulischer Leistungen die erwarteten Effekte finden.

Die Effekte fallen indes eher bescheiden aus. Je weiter das nächste Gymnasium vom eigenen Wohnort entfernt ist (hier gemessen als die euklidische und nicht etwa der effektiven Wegdistanz), desto geringer die Bildungsmotivation für das Gymnasium. Die erwartete Ablenkungswirkung regionaler Arbeitslosigkeit fällt noch etwas deutlicher aus. Je grösser der Anteil an arbeitslosen Jugendlichen im jeweiligen Bezirk, desto grösser die Motivation, dass Gymnasium als Alternative zu einer Berufslehre zu besuchen.

Schliesslich lassen sich auch für die Schweiz die oftmals dokumentierten Effekte der sozialen Zusammensetzung der Nachbarschaft finden. Mit den hier verwendeten Daten können solche Effekte jedoch nicht zuverlässig geschätzt werden. Existierende Forschungsergebnisse weisen dabei jedoch für die Schweiz darauf hin, dass es sich vor allem um Effekte der Interaktion mit Eltern in der eigenen Nachbarschaft handelt, welche wiederum die individuellen Bildungsaspirationen, die schulischen Leistungen und die getroffenen Bildungsentscheidungen beeinflussen (siehe z.B. Zangger 2015, Zangger 2018).

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