Hintergrund

Was hat es mit dem Begriff Lebenschancen auf sich?

«Lebenschancen», der Begriff wird von uns aber auch allgemein in den Sozialwissenschaften, insbesondere der Soziologie häufig verwendet. Lebenschancen bezeichnen dabei die Chance auf die Verwirklichung von Lebenszielen, die in einer Gesellschaft gemeinhin als erstrebenswert betrachtet werden. Hierzu gehören neben materiellen Dingen, wie z.B. Einkommen, Beruf und einer schönen Wohnung auch nicht-materielle Ziele wie die Gründung einer Familie oder die Partizipation am öffentlichen und politischen Leben.

In unserer Gesellschaft werden solche Lebenschancen dabei massgeblich über die erworbenen Bildungsabschlüsse verteilt. Indes sind Bildungschancen jedoch weder über die Bevölkerung noch regional gleichverteilt. Die individuellen Chancen, beispielsweise einen Gymnasialabschluss zu erwerben, welcher durch ein Hochschulstudium eine gutbezahlte Stelle, ein Eigenheim und höhere Bezüge bei einer allfälligen Arbeitslosigkeit ermöglichen, unterscheidet sich deutlich danach, in was für einem Elternhaushalt man grossgeworden ist oder aber auch, wie die regionale Bildungsinfrastruktur aussieht. Diese individuelle und kontextuelle Komponente verstärken sich dabei oftmals gegenseitig: Wessen Eltern über weniger (finanzielle) Ressourcen verfügen, der oder die lebt oftmals auch in Gegenden mit einer schlechteren Infrastruktur und mit einem erschwerten Zugang zu Angeboten, die einen sozialen Aufstieg ermöglichen würden.

Was sind Kontexteffekte?

Dieses Projekt dreht sich um Kontexteffekte auf individuelle Lebenschancen. Unter Kontexteffekten verstehen wir dabei Einflüsse, welche ausserhalb des Individuums und seiner Kontrolle liegen. Somit sind eigentlich auch Effekte der sozialen Herkunft, d.h. des eigenen Elternhauses, darunter zu verstehen. Im Projekt fokussieren wir indes auf räumliche Kontexte, von der Nachbarschaft bis hin zur Region oder gar dem Kanton. Ein räumlicher Kontexteffekt resultiert somit daraus, dass verschiedene Individuen in derselben räumlichen Einheit verkehren und somit darin dieselben Möglichkeiten oder auch Restriktionen vorfinden.

Wie wirken Kontexteffekte?

Über die Wirkung von Kontexteffekten wird viel geforscht und dies in unterschiedlichsten Bereichen: Von Effekten des politischen Systems in unterschiedlichen Ländern zum Gesundheitseinfluss des Wohnens an einer vielbefahrenen Strasse. Und dennoch lassen sich die verschiedenen Effekte auf eine begrenzte Anzahl von theoretischen Mechanismen zurückführen. Einerseits sind da Einflüsse der objektiven Raumstruktur: Die Distanz zum nächsten Gymnasium, das Angebot offener Arbeitsstellen in der näheren Umgebung oder die Nähe zu Hochspannungsleitungen beeinflussen individuelle Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitschancen. Andererseits werden auch Effekte der Interaktion mit Nachbarinnen und Nachbarn unterstellt: Gerade während der Kindheit wirken Sozialisationseffekte, welche durch die räumliche Nahumgebung mitbeeinflusst werden. Wohnt man in einer Nachbarschaft, in welcher es durchwegs normal ist, dass man auf das Gymnasium geht und alternative Bildungswege von so gut wie niemandem beschritten werden, dann sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass beispielsweise eine Berufslehre in Betracht gezogen wird. Somit prägen auch gesammelte Eindrücke in der Wohnumgebung und die Interaktion mit Anderen darin die getroffenen Lebensentscheidungen, welche wiederum einen nachhaltigen Einfluss auf individuelle Einkommens-, Berufs- und Partizipationschancen haben.

Wie können solche Effekte gemessen werden?

Obschon das vorliegende Projekte einen deskriptiven Charakter hat, d.h. statt solche Kontexteffekte ursächlich zu erklären begnügen wir uns mit einer ausführlichen Beschreibung, verwenden wir dennoch multivariate Modelle. Hierfür ziehen wir umfangreiche Mikrodaten aus unterschiedlichen Quellen hinzu (Strukturerhebung, SELECTS, MOSAICH u.a.). Diese ermöglichen uns die Kontrolle einer Vielzahl von individuellen Merkmalen, welche sowohl dazu führen, dass jemand in einer bestimmten Region oder einem bestimmten Quartier wohnhaft ist und gleichzeitig auch die unterschiedlichen Lebenschancen beeinflussen. Da es sich jedoch um eine begrenzte Anzahl von Merkmalen handelt und die Gründe für unterschiedliche Wohnstandorte umfangreich sind, ist nicht auszuschliessen, dass statt eines wahren Kontexteffektes eigentlich ein Effekt nicht-beobachteter, geteilter individueller Merkmale geschätzt wird. In der Literatur wird dies unter dem Stichwort des «Selection Bias» diskutiert und stellt neben weiteren Herausforderungen eine der grossen Schwierigkeiten bei der Schätzung von Kontexteffekten dar.

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