Statuschancen in der Schweiz

Nicht jeder Beruf hat dasselbe Ansehen und bietet die gleichen Aussichten auf einen guten Lohn oder einen Aufstieg in höhere Positionen. Im Projekt betrachten wir deshalb auch die ungleiche Verteilung von Statuschancen. Hierbei betrachten wir die individuelle Wahrscheinlichkeit einen Beruf auszuüben, welcher zu den 10% mit dem höchsten oder den 10% mit dem tiefsten Status gehört.

Doch zuerst einmal, was ist sozialer Status und wie wird er im vorliegenden Fall gemessen? Etwas vereinfacht ausgedrückt verstehen wir unter dem sozialen Status die Position, die eine Person in unserer Gesellschaft einnimmt und die damit verbundenen Handlungsmöglichkeiten. Ein höherer sozialer Status geht mit einer grösseren Verfügbarkeit über Ressourcen (z.B. Einkommen), aber auch Ansehen und Autorität einher. Somit hat nicht einfach jene Person mit dem grössten Gehaltscheck den höchsten sozialen Status, sondern zu diesem können auch weitere Aspekte beitragen, etwa einen Beruf mit einer besonderen Hingabe und Leistung für Mitmenschen auszuüben oder aber auch, etwas traditioneller gedacht, die Abstammung aus einem «guten Haus». Unterschiedliche Masse werden zur Messung des sozialen Status in den Sozialwissenschaften herangezogen. Gemeinsame Grundlage aller bildet dabei die Feststellung, dass es in unserer Gesellschaft unterschiedliche Positionen gibt, die mehr oder weniger hierarchisch geschichtet sind und eng mit dem ausgeübten Beruf zusammenhängen. Viele der verwendeten Masse beruhen auf der Identifikation sozialer Schichten oder Klassen, etwa das Schema nach Erikson, Goldthorpe und Portocarero. Für unser Projekt verwenden wir ein verwandtes Mass, den International Socioeconomic Index (ISEI). Dieser weist jedem Beruf einen Wert zu. Je höher der Wert, desto höher der Status des Berufes. In den Wert fliessen dabei sowohl Informationen zu den benötigten Qualifikationen für den Beruf wie auch des dadurch erzielten Einkommens ein.

Wieso sollten sich nun die Chancen auf einen hohen (oder auch tiefen) sozialen Status zwischen den Regionen unterscheiden? Auch hier sind wieder vielfältige Gründe denkbar. Einerseits ein Selektionseffekt: Personen mit weniger Ressourcen, gerade weil sie einen Beruf mit einem tiefen Status ausüben, sind in ihrer Mobilität eingeschränkt und können sich bestimmte Wohngegenden kaum leisten. Wenn wir diese selektive Mobilität in unsren Modellen nicht vollständig berücksichtigen können, dann kann das dazu führen, dass wir fälschlicherweise davon ausgehen, dass es die Region selbst ist, welche dazu führt, dass in manchen Gebieten die Wahrscheinlichkeit für einen statushohen oder -tiefen Beruf höher ausfällt. Andererseits gibt es aber auch gute Gründe davon auszugehen, dass es tatsächlich einen Unterschied macht, wo man wohnt. Regionale Arbeitsmärkte sind eine Erklärung: Die Struktur der Arbeitsstellen und Betriebe unterscheidet sich deutlich zwischen den Regionen. So findet sich etwa in ländlichen Gebieten ein deutlich niedriger Bedarf an hochqualifizierten Personen mit beispielsweise einem Universitätsabschluss. Somit ist es denkbar, dass etwa eine ausgebildete Juristin eine tiefere Wahrscheinlichkeit hat, auf einem der Berufe mit dem höchsten sozialen Status (z.B. als Richterin) zu gelangen, wenn sie statt in einer grösseren Stadt in einem Bergtal wohnt.

Betrachten wir Daten für die Schweiz und kontrollieren auf eine Vielzahl individueller Merkmale (darunter erworbene Bildungsabschlüsse, die Migrationsgeschichte, das Geschlecht und das Alter), so sehen wir z.T. deutliche Unterschiede zwischen den politischen Gemeinden. Dabei ballen sich Gemeinden mit einer ähnlichen Wahrscheinlichkeit zusammen, so dass hier wohl Prozesse zugrunde liegen, die einen eher regionalen Charakter besitzen. Abgebildet werden dabei die Chance, zum höchsten Statusdezil zu gehören, also jenen 10% mit dem höchsten sozialen Status. Die erste Grafik zeigt dies für Frauen ohne einen Migrationshintergrund im mittleren Alter, welche über einen Abschluss der beruflichen Grundbildung verfügen (Lehre). Deren Chancen zur höchsten Statusgruppe zu gehören, fallen äusserst dürftig aus und erreichen kaum mehr als 3%. Die tiefste Wahrscheinlichkeit für diese Frauen findet sich dabei in ländlichen, alpinen Gemeinden. Die zweite Grafik zeigt die Wahrscheinlichkeit zu den 10% mit dem höchsten Status zu gehören, wenn ansonsten vergleichbare Frauen indes über einen Masterabschluss verfügen. Für diese Frauen beträgt die Wahrscheinlichkeit zur höchsten Statusgruppe zu gehören zwischen 25% bis knapp 40%. Auch hier scheinen die Chancen in alpinen, ländlichen Gemeinden in der Tendenz etwas geringer und in den Ballungsräumen grösserer Städte höher auszufallen (beispielsweise in Luzern, Lausanne oder aber auch kleineren Städten des Mittelandes wie Aarau, Baden oder Solothurn).

Indes handelt es sich auch hier wiederum nur um eine umfangreiche Beschreibung. Somit kann nicht abschliessend gesagt werden, ob es tatsächlich die Raumstruktur oder damit verbundene Aspekte wie regionale Arbeitsmärkte sind, welche die unterschiedlichen Statuschancen hervorbringen. Dennoch wird ersichtlich, wie sich die Chancen auf einen hohen sozialen Status und damit mehr Ressourcen und Handlungsoptionen für ansonsten vergleichbare Personen doch deutlich zwischen den Regionen unterscheiden.

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